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Abenteuer Schweiz: In einem Tag durch alle 26 Kantone

Geografie
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Wir schickten eine Schweizer Journalistin mit dem Auftrag los, in weniger als 24 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch alle 26 Kantone der Schweiz zu fahren. Warum? Weil die Schweiz für ihr perfektes, öffentliches Verkehrsnetz weit herum bekannt ist. Und weil wir von einer unabhängigen Persone prüfen lassen wollten, ob das auch stimmt. Der Bericht der Testpersonen zeigt: Es ist möglich, selbst wenn nicht alles nach Plan läuft. Fazit der Testpersonen: «Während dieser zeitweise surrealen Reise durch die Schweiz fühlten wir uns, als hätten wir die Hauptrollen in einem verrückten Film gespielt».
Der Film beginnt
Am 28. April 2007 kommen wir nachts um 1 Uhr 07 von Zürich her in Schaffhausen (Kanton Schaffhausen, Nr.1) an. Carlo, Geburtstagskind Marie-Françoise («die Reise ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk»), Davide und ich; Die drei Romands sind das erste Mal in Schaffhausen, die Stadt ist der Ausgangspunkt der 24-Stunden-Reise durch die ganze Schweiz.
Schaffhausen. Hier ist die Welt nachts noch in Ordnung: Vor den geschlossenen Restaurants stehen die Stühle da, ohne dass ein Drahtseil sie vor Dieben schützen muss. Und die Schaffhauser Polizei beschäftigt sich nachts nicht mit Mord und Totschlag, sondern damit, ein verschwundenes Portemonnaie im Mülleimer zu suchen. Wir finden sogar eine Bar, die noch offen hat: der Cuba Club. Knapp zwei Stunden vergehen wie im Flug. Dann beginnt die 24-Stunden-Reise.

Unsere Aufgabe: In weniger als 24 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmittel durch 26 Kantone, durch die ganze Schweiz.

2 Uhr 55: mit dem Zug fahren wir vom Kanton Schaffhausen nach Winterthur (Kanton Zürich, Nr.2) und steigen hier in den Zug nach St. Gallen (Kanton St. Gallen). Junge Leute, einige mit Piercings, sind auf dem Weg nach Hause. Ein bisschen Neid kommt auf. Sie dürfen bald in ihr Bett liegen, für uns hingegen hat die Nacht nie angefangen, sondern wurde zum Tag. Zum Reisetag.
Warum tun wir uns knapp 24 Stunden Non-stop-Reisen an? Bei mir ist der Fall klar: „Um den öffentlichen Verkehr zu testen und damit ich über etwas Verrücktes schreiben kann.“ Marie-Françoise: „Um auf eine besonders originelle Weise, meinen Geburtstag zu feiern.“ Davide und Carlo: „Es ist die Herausforderung, etwas Verrücktes zu machen, das vielleicht noch niemand vor uns gemacht hat.“

Den Kanton Thurgau (Nr.3) verschlafe ich (die beauftragt ist, in jedem Kanton ein Beweis-Foto zu schiessen), denn schnell haben wir St. Gallen (Kanton St. Gallen, Nr.4) erreicht. Die Uhr zeigt 4. 24 Uhr. Dort warten wir über eine Stunde auf den Anschluss. Am Bahnhof begegnen wir Menschen, die zur Arbeit gehen und Menschen, die erst jetzt auf dem Weg nach Hause sind. Und irgendwo dazwischen befinden wir uns.
Es ist einer jener Tage in diesem April mit Temperaturen wie im Frühsommer. Um die Zeit totzuschlagen, machen einen Spaziergang zur Kathedrale des Klosters St. Gallen. Das Kloster ist St. Gallens Aushängeschild, seine Stiftsbibliothek wurde in die Liste der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommen. Natürlich ist sie um diese Zeit noch geschlossen.

Keine 500 Meter weiter tauchen wir aus der Ruhe auf, treten in eine der raren offenen Restaurants ein. Es ist eine Imbissbeiz. Menschen essen Pizzen, Döner, Hamburger, trinken Bier, Cola, Kaffee. Endlich geht es weiter, das Postauto wartet und bringt uns nach Stein (Kanton Appenzell Ausserrhoden, Nr. 5). Beinahe leer fährt es durch die Morgendämmerung. Das faszinierenden Licht kündigt einen schönen Tag an. Der Blick auf die Uhr zeigt: Es ist 6 Uhr.

Filmriss in Stein AR

Für uns ist hier unfreiwillig erst mal Endstation. Wir stehen da, wie bestellt und nicht abgeholt. Was ist geschehen?
Wir werden uns der Bedeutung des präzisen Lesens des SBB-Fahrplans bewusst. RY ist nicht ein erweitertes männliches Chromosom, sondern – wenn es auf dem Fahrplan steht – der Hinweis, dass man für die Weiterfahrt den Publicar, vergleichbar mit einem öffentlichen Taxi, reservieren muss. Die Reise scheint acht Kilometer und 10 Busminuten weg von Appenzell, dem nächsten Bahnhof zur Weiterreise, wegen einem Lesefehler beendet zu sein.
Marie-Françoise kommentiert: „Leichte Nervosität, keine Katze am Horizont, die uns an den nächsten Bahnhof hätte bringen können. Die Glocken haben laut geläutet, aber kein Mensch weit und breit.“


Das Dorf schläft noch. Ausser der Postangestellte, der gerade die Post sortiert und uns freundlicherweise die Telefonnummer eines Taxis in Herisau heraussucht. Dieses kommt prompt. Keine Ahnung, was sich die Fahrerin denkt, als sie uns, drei Romands und eine Deutschschweizerin, am Samstagmorgen gegen 7 Uhr 30 nach Appenzell (Appenzell Innerrhoden, Nr. 6) chauffiert. Sie hat wohl das Geschäft des Monats gemacht: 80 Franken kostet unser „Publicar“. Die 80 Franken Zahlen wir gerne. Wir haben sogar noch Zeit, um auf den Dorfplatz zu gehen und die sagenhafte Kulisse aufzusaugen. Sie schein ein kleines Stückchen eines Märchens zu sein, das man in Gedanken immer wieder hervorholen kann. In Appenzell Innerrhoden wird die direkte Schweizer Demokratie noch auf dem Dorfplatz gelebt. Die Einwohner stimmen von Hand über ihre Zukunft ab, ohne Stimmzettel. Ein einzigartiges Relikt.

Das Highlight: von Gais über Altstätten
Die Fahrt von Appenzell über Gais nach Altstätten ist das Highlight der Reise. Zeit, um die Augen zu schliessen, bleibt nicht, auch wenn uns eine ganze Nacht Schlaf fehlt. Zu schön ist die voralpine Szenerie, ist das Appenzell. Carlo kommentiert: „Ich komme mir vor wie in einer Modelleisenbahn, die durch eine idyllische Landschaft fährt.“


In Altstätten im Kanton St. Gallen hat der Samstag für viele Menschen begonnen, der Bahnhof lebt, Wandervögel kaufen ihr Picknick, um dann wie wir den Zug nach Landquart (Kanton Graubünden, Nr.7) zu nehmen. Ein Ort, den Zugreisende nur vom Umsteigen her kennen und dessen Namen in den Ohren von Romands – freundlich ausgedrückt – nicht sehr hübsch klingt. Wir verbringen dort eine Stunde und suchen uns ein nettes Kaffee. Wir landen im Migros-Kaffee. Wie die SBB ist auch die Migros typisch Schweiz, ein Stück Geschichte. Die Migros ist in der Schweiz die Nummer eins im Detailhandel, vor Coop. Wer sich 24 Stunden in der Schweiz aufhält, wird notgedrungen im einen oder anderen der beiden sein Brot, den Käse oder auch ein T-Shirt einkaufen.
Wir wissen nun auch, wieso es Landquart nicht zu mehr als zu einem Umsteigebahnhof gebracht hat, sind froh, um 9.26 Uhr wieder abzureisen. Mit dem Intercity über Sargans dem Walensee entlang (Davide: „Eine der schönsten Strecken auf der Reise.“) über Ziegelbrücke (Kanton Glarus, Nr.8) nach Pfäffikon (Kanton Schwyz, Nr.9), wo wir den zweiten Fehler dieser Reise begehen, in dem wir hier aussteigen. Mindestens vier Leute haben an unserem Fahrplan mitgewerkelt… Einen finalen Check haben wir nicht gemacht, deshalb geschah der Fehler. Immerhin wissen wir jetzt, dass Pfäffikon zwar tiefe Steuersätze hat, wie viele Gemeinden im Kanton Schwyz, aber sonst rund um den Bahnhof, nicht durch besonders viel Charme auffällt.

Das verrückte Kirchlein von Wassen
Gemäss ursprünglichem Plan hätten wir bis Zürich fahren, dort den Zug über Zug, Arth Goldau nach Airolo nehmen sollen. So hätten wir den Kanton Zug problemlos abhaken können. Hätten. Wir sitzen im Zug von Pfäffikon nach Arth Goldau. Sehr schöne Landschaft, da gibt’s nichts zu bemängeln. Allerdings müssen wir unsere Route neu organisieren, das lenkt unseren Blick mehr auf die Handys (Fahrplanabrufe) als auf die Landschaft, die draussen an uns vorbei zieht. Die Lösung: Wie geplant nach Airolo fahren, und den Kanton Zug später mitnehmen. Die Romands lernen das Phänomen der Kirche von Wassen (Kanton Uri, Nr. 10) kennen, die scheinbar den Hang hinunter klettert. Einmal erscheint sie rechts, dann, nach einer Wende im Tunnel, plötzlich links. Ein Anblick, den Schweizer Kinder im Alter zwischen 10 und 12 oft während einer Schulreise erleben.

Pause nach den längsten Tunnel Europas
In Airolo (Kanton Tessin, Nr.11, 13.02 Uhr) erlebt Marie-Françoise nach der Fahrt durch den Gotthard-Tunnel, der längste Tunnel in Europas, eine Überraschung: In einem Restaurant warten ein Geburtstagskuchen und meine Eltern auf uns. Spontan kommt ein Champagner dazu, gesponsert vom Restaurant. Soll noch einer sagen, die Schweizer seien keine guten Gastgeber. Die Runde ist typisch Schweizerisch: Sie quasselt in den drei Hauptlandessprachen: Bestellen auf Italienisch, schwatzen auf Französisch und Deutsch.

Auf dem Weg in die Urschweiz
Nach Pizza und Salat reisen wir zu sechst wieder in die Innerschweiz. Diesmal verpassen wir das Kirchli von Wassen, welches wieder den Berg hochklettert; wir bestürmen den Kondukteur (Schaffner), der kaum begreift, dass wir nicht auf dem direktesten Weg nach Luzern wollen, sondern unbedingt über Zug (Kanton Zug, Nr. 12) fahren wollen. Das klappt, allerdings nur, wenn die SBB pünktlich sind. Wir müssen in Zug auf den Zug umsteigen, der zwei Minuten später aus Zürich kommend einfährt. Die SBB hält, was sie im Fahrplan verspricht! Wir schaffen es. Ein Werbespot hätte es nicht besser machen können. Die Kosten des mit Absicht gewählten Umweges: plus eine Stunde.

Von hier an kann uns nur noch eine Fahrleitungsstörung stoppen. In Luzern (Kanton Luzern, Nr. 13) steigen wir in den Zug um, der uns über Hergiswil (Kanton Obwalden, Nr. 14) nach Alpnachstad (Kanton Nidwalden, Nr. 15) bringt. Zurück nach Luzern, ein Blick aufs KKL erhaschen, weiter über Zofingen (Kanton Aargau, Nr. 16), Olten (Kanton Solothurn, Nr. 17), Liesthal (Kanton Baselland, Nr. 18), Basel (Basel Stadt, Nr.19). Carlo hat die Strecke zu seiner hässlichsten erkoren: „Sie ist flach und öd.“ Unterdessen ist es beinahe 6 Uhr abends.

Sanfte Berge und Formen begleiten uns zwischen Basel und Delémont (Kanton Jura, Nr.20). Und hier realisiert auch zum ersten Mal – abends gegen halb acht – ein Kontrolleur, in welch aussergewöhnlichen Mission wir unterwegs sind. Wahrscheinlich sehen wir auch nicht so aus, als ob nach Biel (Kanton Bern, Nr. 21) fahren würden, um das dortige Nachtleben zu entdecken.

Wir sind nun über 35 Stunden wach. Jeder Raver sieht frisch aus im Vergleich mit uns. Von Biel geht’s über Lyss nach Kerzers (Kanton Fribourg, Nr. 22). In Lyss habe ich ein Postauto erwartet, es steht aber ein Zug da. Keine Ahnung, dass es hier auch noch eine Bahn-Linie gibt. Und was für eine!
Wir fahren durchs Seeland, an Feldern vorbei. Am Himmel bereitet sich ein Gewitter vor, Abenddämmerung. Nicht nur deshalb, aber auch deshalb, hat Kerzers unbestritten den Preis des schönsten Bahnhofes verdient. Davide: „Ein Leuchtturm in Mitten des Sturms. Der Bahnhof hat eine andere Dimension angenommen.“
Dann verliert sich der Tag allmählich in der Nacht. Während der Reise über Neuenburg (Kanton Neuenburg; Nr.23) und - wegen Bauarbeiten - Lausanne (Waadt, Nr. 24) nach Genf (Kanton Genf, Nr. 25) ist es dunkel hinter den Zugfenster. Weder sehen wir die eben zum Weltkulturerbe erkorene Weingegend Laveaux, noch besuchen wir die UNO-Gebäude oder das IKRK in Genf. Wir sind weiter unterwegs.

Am Ziel
Die Zugstrecke zwischen Genf und Lausanne nach St. Maurice (Kanton Wallis, Nr. 26) ist für die drei Romands Routine. In Genf, kurz nach 23 Uhr, füllt sich der Zug wieder mit Nachtvögeln, diesmal französisch schnatternd, vor 24 Stunden war es noch Zürideutsch. Pünktlich um 1 Uhr 6 treffen wir in St. Maurice ein. Geschafft!
Davide fühlt sich wie ein Sieger, küsst den Boden, dankt den SBB, dass kein einziger Zug Verspätung hatte. Für Marie-Françoise bekommt ein normaler Bahnhof eine neue Bedeutung gespickt mit Erinnerungen. Es habe irreale Erinnerungen, sagt Carlo, „so als ob wir eine Zeitreise gemacht hätten“. Oder als ob wir 24 Stunden in einem anderen Film gelebt hätten.

Abspann
Salvatore Di Spirito holt uns am Bahnhof in St. Maurice ab. Und dann kommt das Gewitter doch noch. Die Strasse wird beinahe zu einem Fluss. Sieht aus als hätte Petrus gewartet bis wir unsere Reise beendet haben.

Hauptrollen

- SBB

- Carlo Capozzi, 35, Initiant und Abteilungsleiter, Monthey
- Davide Di Spirito, 35, Musiklehrer und Musiker, Lausanne
- Marie-Françoise Di Spirito, 55, Gymnasiallehrerin, Sagne
- Gabriela Weiss, 31, Redaktorin, Zürich

Input für den Text
Carlo, Davide, Marie-Françoise

Text: Gabriela Weiss


Fahrplan wie vorgehen Effektive Route
Schaffhausen ab: 2h55
St. Gallen (via Winterthur) an: 4h24
Abgefahrene Kantone: SH, ZH, TG, SG.
St. Gallen ab: 5h43
Appenzell (via Stein) an: 6h20
Abgefahrene Kantone: AI, AR.
Appenzell ab: 6h50
Landquart (via Gais, Altstätten Stadt und Altstätten Bahnhof) an: 8h26
Abgefahrener Kanton: GR.
Landquart ab: 9h26
Airolo (via Zürich, Arth Goldau) an: 13h02
Abgefahrene Kantone: GL, SZ, ZG UR, TI.
(via Pfäffikon, Arth Goldau) an: 13h02
(GL, SZ, UR TI)
Airolo ab: 13h54
Alpnachstad (via Flüelen, Beckenried, Stans, Hergiswil) an: 15h57
Abgefahrene Kantone: LU, NW, OW.
via Zug an 15h27, ab 15h29, Luzern an: 16h27
Alpnachstad ab 16h00
Basel (via Luzern, Olten) an: 17h51
Abgefahrene Kantone: AG, SO, BL, BS.
Ab 16h30
Basel an: 18h32
Basel ab 18h04
Kerzers an 19h53
Abgefahrene Kantone: JU, BE, FR.
Basel ab 19h03
Kerzers an 20h53
Kerzers ab 20h00
Genf an 21h46 (via Neuenburg)

Abgefahrene Kantone: NE, VD, GE.
Ab 21h00
Genf an 23h04
Genf ab 22h36
St. Maurice an 00h02
Abgefahrener Kanton: VS.
23h21
01h06
Total: 21 Stunden 7 Minuten Total: 22 Stunden 11 Minuten