Der Kapitän stellt nur Frauen ein

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Die Schweizer Reederei MSC mit dem Hauptsitz in Genf lässt gleich zwei Mal aufhorchen: Sie ist weltweit die zweitgrösste - obwohl die Schweiz ein Binnenland ist. Und die 100-köpfige Belegschaft des Büros in Basel besteht ausnahmslos aus Frauen. Chef über die Frauencrew ist René Mägli. Sein Credo: Frauen streben nicht nach Macht und arbeiten deshalb besser. Mit seiner Personalpolitik steht er wahrscheinlich europaweit allein auf weiter Flur.
Als Männerfeind sieht sich der 56-jährige Gentleman, der Besucherinnen sogar die Lifttür galant aufschwingt, nicht. «Frauen arbeiten einfach besser als Männer, sind exakter und sachorientierter», sagt Mägli, der seit 25 Jahren für die Mediterranean Shipping Company (MSC) arbeitet. «Frauen möchten die gestellte Aufgabe lösen und ein Ziel erreichen. Männer wollen nach Möglichkeit Macht und Kontrolle». Zudem wollten sie den Frauen überlegen sein, selbst wenn ihnen die Grundlage dazu fehle. Vor 10 Jahren entliess René Mägli den letzten Mann. Dieser verstaute Papiere, die er nicht verstanden hatte, lieber in der Schublade als die Überlegenheit der Frauen anzuerkennen. «Er wollte besser sein als die Frauen, aber er war es nicht.» Seither stellt Mägli in seinem Büro in Basel nur noch Frauen ein. Im Oktober 2007 die 100.

Basel steigert die Umsätze regelmässig um 25% pro Jahr

Auf drei Etagen verteilt, arbeiten sie in drei Abteilungen, verschieben vom Schreibtisch aus Millionen Tonnen Kakao, Kaffee, Baumwolle, Zucker und andere Rohstoffe, aber auch Pneus, Möbel und Konsumgüter von internationalen Konzernen. Sie unterbreiten Offerten und besorgen die Verrechnung. Und das mit Erfolg: Seit fünf Jahren steigert die innerhalb der Firma eigenständige Frachtabteilung der Basler MSC ihre Umsätze um jährlich 25 Prozent.
Positiv denkende Männer denken bei 100 Frauen und einem Mann womöglich an James Bond oder an eine Geschichte aus 1001 Nacht. Negativer Eingestellte eher an den oft zitierten chinesischen Spruch: Zwei Frauen unter einem Dach bedeutet Krach. Mägli winkt ab: «Zickenalarm und Stutenbissigkeit gibt es hier nicht». Liege Streit in der Luft, schicke er die Betroffenen auf seine Kosten zu einem gemeinsamen Mittagessen. Das kam bis jetzt ein Mal vor.
Yvonne Hagmann ist schon 22 Jahre bei MSC. Die Stimmung auf der Arbeit sei auch ohne männliche Kollegen gut, gab sie gegenüber dem ARD-Hörfunk zu Protokoll. Von Keiferei keine Spur. «Am Anfang dachte ich, o Gott!» sagt Amina Macharia (24), Leiterin Crosstrade/Kaffee. Doch nun schätzt sie die «familiäre Atmosphäre» am Arbeitsplatz.

Karten fürs Robbie-Williams-Konzert für seine Ladies

Mägli schätzt an den Frauen, dass sie «von Natur aus» Prioritäten setzen könnten und kostenbewusst seien. Im Unterschied zu Männern müsse man Frauen sagen, dass sie gut seien. «Ganz wichtig ist, sie zu motivieren». Dazu gehören nicht nur Worte, sondern auch Taten: vor einem Jahr hat er seinen «Ladies», wie er die Belegschaft nennt, Karten fürs Robbie-Williams-Konzert geschenkt. Im Jahr davor einen Kochkurs in einem 17-Punkt-Gault-Millau-Restaurant. Auch auf gute Atmosphäre am Arbeitsplatz legt der Gentleman viel wert. Grosse Fenster und zahlreiche Pflanzen stechen der Besucherin bei einem Rundgang ins Auge. Der Lieblingssatz des Chefs lautet: «Der Mensch steht im Mittelpunkt». Dazu passt seine Beschäftigung mit Körpersprache und Fengshui. Eine Sekretärin hat er nicht, das sei «Machogehabe». Dafür ist er von mehr als einer Handvoll Assistentinnen umgeben.

Gut und günstig?

Bei aller Harmonie: Steckt hinter Worten wie «meine Ladies» und «Frauen arbeiten besser» nicht die schlichte Überlegung, dass Frauen günstiger arbeiten? René Mägli eilt zu seinem Pult, das am Rande in einem Raum voller Frauen steht, und sucht einen Artikel aus einer Gewerkschaftszeitung. Da die Familiengesellschaft MSC mit weltweit 28’000 Angestellten weder Geschäftszahlen noch Löhne bekannt gibt, machte der Gewerkschafts-Redaktor bei den Frauen eine Umfrage und kam zum Schluss: Die Frauen erhalten den branchenüblichen Lohn.
Die eigenwillige Personalpolitik von René Mägli, der weder Macho noch Schürzenjäger ist, sondern ein zurückhaltender Gentleman, löst Diskussionen aus. Diskriminiert er Männer? René Mägli: «Ich habe nichts gegen Männer, ich stelle jeweils die am besten qualifizierten Bewerber ein, die gut ins Team passen – und das waren bis anhin stets Frauen.»
Die Rechnung scheint aufzugehen, die Fluktuationsrate ist gering. 10% der Frauen arbeiten seit mehr als 10 Jahren für MSC, 30% länger als 5 Jahre. Bei MSC können «die Ladies» auch mit einem Teilzeitpensum Kaderpositionen innehaben. Momentan trifft das auf drei zu. Für alle gilt: Wenn sie Kinder kriegen, erhalten sie Urlaub, danach steigen sie mit reduziertem Pensum wieder ein.

Lob für Chancengleichheit

Kürzlich ist bei René Mägli auch ein Formular von Total E-Quality eingetroffen. Die Organisation, die vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, untersucht und honoriert Betriebe mit Chancengleichheit von Frauen und Männern in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Normalerweise, so steht im Begleitbrief, würden sie nur deutsche Unternehmen ehren, doch würden sie in diesem Fall gerne eine Ausnahme machen.

Der neue Kreuzfahrten-Chef ist - ein Mann!

Umso betrüblicher die Nachricht, die jüngst aus dem MSC-Büro in Basel an die Öffentlichkeit drang: Auf den 1. November 2007 wurde ein zweiter Mann eingestellt: Der Kreuzfahrtenbetrieb, der rund 10 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, wird dann von der Frachtabteilung Mäglis mit 360 Containerschiffen getrennt. Der neue Chef der Kreuzfahrtschiffe ist - ein Mann! «Es gab zwei qualifizierte Kandidaten für diese Arbeit auf dem Markt. Die Frau arbeitet bei der Konkurrenz», bedauert Mägli. Der Mann wird nur die Abteilung mit 10 Kreuzfahrtschiffen übernehmen. Vielleicht wird der neue Chef nicht mehr lange Hahn im Korb sein. Denn, wenn er genug qualifizierte Männer findet, darf er diese natürlich auch einstellen.
(sis, 16.Oktober 2007)


Firma

Mediterranean Shipping Company (MSC) Die weltweit zweitgrösste Reederei mit Sitz in Genf setzt mehr als 4,5 Mrd Fr. um und beschäftigt 28’000 Mitarbeiter. MSC generiert 90% des Umsatzes mit seinen 360 Containerschiffen und 10% mit der Kreuzschifffahrt.